Rote Pinnwandnadel in Korkwand

Am 16.07.2021 unterzeichnete Papst Franziskus ein Motu proprio, mit welchem der Gebrauch des traditionellen römischen Ritus neu geregelt wird. Die Promulgation ist über die Veröffentlichung im L’Osservatore Romano vorgesehen, aber zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht erfolgt. Das Motu proprio tritt am Tag der Promulgation in Kraft. Eine nachträgliche Veröffentlichung in den Acta Apostolicae Sedis ist vorgesehen.

Motivation des Schreibens

Papst Franziskus hat dem Motu proprio einen Brief beigefügt, in welchem er die bisherige Entwicklung der Normen zum Gebrauch des traditionellen römischen Ritus und die Gründe für die Neuordnung darlegt. Unter anderem schreibt Franziskus, dass der ursprüngliche Sinn dieser Normen darin lag, die Einheit der Kirche wiederherzustellen. Durch die im Jahr 2020 von der Glaubenskongregation durchgeführte weltweite Umfrage zur Umsetzung der Normen von Summorum Pontificum sei eine Situation offenbart worden, in welcher die Normen nicht dazu genützt würden, die Einheit wiederherzustellen, sondern im Gegenteil die Spaltungen voranzutreiben. Franziskus sieht einen Zusammenhang zwischen der Wahl der liturgischen Bücher und der Ablehnung der Lehre des II. Vaticanums. Daher sei er gezwungen einzugreifen und die von seinen Vorgängern gewährten Befugnisse in Teilen zu widerrufen. Auch sollen sich die Bischöfe für die Rückkehr zu einer einheitlichen Zelebrationsform einsetzen und die Gläubigen, welche bisher in der alten Form des römischen Ritus beheimatet sind, zur neuen Form des Ritus zurückkehren. Zugleich sollen die Bischöfe darüber wachen, dass jede Liturgie mit Würde und Treue gegenüber den liturgischen Büchern gefeiert wird, ohne Exzentrizitäten, welche leicht in Missbräuche ausarten.

Entwicklung der Normen zum Gebrauch des traditionellen römischen Ritus

Bereits 1984 ermöglichte die Gottesdienstkongregation mit dem Brief Quattuor abhinc annos (AAS 76 [1984], S. 1088f.) den Diözesanbischöfen durch Indult Priestern die Feier der Messe nach dem Messbuch von 1962 zu gestatten. Nach den schismatischen Bischofsweihen durch Erzbischof Marcel Lefebvre wurde von Johannes Paul II. mit dem Motu proprio Ecclesia Dei vom 02.07.1988 (AAS 80 [1988], S. 1495-1498) die gleichnamige Kommission eingesetzt. Diese sollte sich den Gläubigen widmen, welche sich der traditionellen Form der römischen Liturgie verbunden fühlten, jedoch nicht den Bruch mit Rom durch die unerlaubten Bischofsweihen mitvollzogen. Benedikt XVI. erlies durch das Motu proprio Summorum Pontificum (AAS 99 [2007], S. 777-781) allgemeine Normen zum Gebrauch der traditionellen Form. Die Kommission Ecclesia Dei wurde von Papst Franziskus durch das Motu proprio Da oltre vom 17.01.2019 aufgelöst (OR, 20.01.2019, S. 7). Mit dem nun erfolgten Motu proprio Traditionis custodes (TC) ersetzt Franziskus Summorum Pontificum (SP).

Lex orandi – Lex credendi

Schon im ersten Artikel des neuen Motu proprio findet sich eine deutliche Neuausrichtung. Heißt es noch in Art. 1 SP, dass das von Johannes XXIII. herausgegebene Messbuch „als außerordentliche Ausdrucksform derselben „Lex orandi“ der Kirche zu gelten“ hat, so schreibt Franziskus in Art. 1 TC, dass die liturgischen Bücher von Paul VI. und Johannes Paul II. der einzige Ausdruck der lex orandi des römischen Ritus seien.

Art. 3 § 1 von TC verpflichtet den Bischof dazu, dafür Sorge zu tragen, dass die Gruppen, welche das Messbuch von 1962 weiterhin benutzen möchten, die Gültigkeit und Legitimität der Liturgiereform des II. Vaticanums sowie des päpstlichen Lehramtes nicht ausschließen.

Entscheidungsbefugnisse des Bischofs

Nach can. 838 § 4 CIC steht es dem Diözesanbischof zu, in der ihm anvertrauten Partikularkirche, in den Grenzen seiner Zuständigkeit, eigene liturgische Normen zu erlassen. Dieser Norm gemäß, werden mit TC nun die Entscheidungsbefugnisse des Diözesanbischofs in Bezug auf den Gebrauch des vetus ordo deutlich gestärkt.

Art. 2 SP legte fest, dass jeder katholische Priester des lateinischen Ritus das Messbuch von 1962 gebrauchen konnte und dazu weder die Erlaubnis des Apostolischen Stuhls noch die seines Ordinarius brauchte. Art. 2 TC normiert nun, dass es in der ausschließlichen Kompetenz des Diözesanbischofs liegt, den Gebrauch des Messbuchs von 1962 zu genehmigen. Art. 5 legt fest, dass alle Priester, welche bereits nach dem Messbuch von 1962 zelebrieren, den Diözesanbischof um Erlaubnis bitten müssen, dies weiterhin tun zu dürfen. Nach Art. 4 darf der Diözesanbischof Priestern, welche erst nach der Veröffentlichung von TC geweiht werden, diese Erlaubnis nur erteilen, wenn er zuvor den Apostolischen Stuhl konsultiert hat.

Art. 5 § 1 SP verpflichtete die Pfarrer dazu, die Bitten der Gruppen von Gläubigen, die der früheren liturgischen Tradition anhängen, bereitwillig aufzunehmen. In Art. 3 § 6 TC wird vom Bischof gefordert, neuen Gruppen von Anhängern der traditionellen Form keine kirchenrechtliche Anerkennung mehr zu gewähren.

Art. 10 SP ermöglichte es dem Ortsordinarius, für die Feiern nach der älteren Form Personalpfarreien nach can. 518 CIC zu errichten. Nach Art. 3 § 2 TC ist dies ausdrücklich nicht mehr erlaubt. Die bestehenden Personalpfarreien sollen nach Art. 3 § 5 einer Nützlichkeitsbewertung unterzogen und, je nachdem wie diese ausfällt, beibehalten oder aufgelöst werden.

Art. 2 SP erlaubte es an jedem Tag des Jahres, außer während des Triduum Sacrum, die Messe nach dem Messbuch von 1962 zu feiern. Nach Art. 3 § 3 TC liegt es in der Kompetenz des Bischofs die Tage festzulegen, an denen Eucharistiefeiern nach dem Messbuch von 1962 möglich sind. Ebenso ist es nach Art. 3 § 2 TC Sache des Bischofs die Orte zu benennen, an denen sie die Gläubigen zur Feier der Eucharistie nach der früheren Form versammeln können. Allerdings sind Pfarrkirchen davon ausgenommen.

Festlegung auf die Volkssprache

Nach Art. 6 SP war es freigestellt, ob die Lesungen auf Latein oder in der Volkssprache verkündet werden. Gemäß Art. 3 § 3 TC müssen die Lesungen nun in der Volkssprache verkündet werden.

Beauftragter des Bischofs

Nach Art. 10 SP war es dem Ortsordinarius möglich, eigene Personalpfarreien für die Anhänger der alten Form zu errichten, diese wurden dann von Personalpfarrern geleitet. Ebenso konnte der Ortsordinarius Rektoren, bzw. Kapläne für deren Betreuung ernennen. Art. 5 § 4 SP formulierte ganz allgemein, dass die Priester, welche die Messe nach dem Messbuch von 1962 feiern möchten, dafür geeignet und von Rechts wegen nicht daran gehindert sein dürfen. Art. 3 § 4 TC schreibt nun vor, dass der Bischof einen Priester damit zu beauftragen hat, sich um die Feiern und die seelsorgliche Betreuung der Gruppen zu kümmern, welche der alten Form anhängen. Dieser Priester soll den Gebrauch des Missale von 1962 beherrschen und über genügend Lateinkenntnisse verfügen, um die Rubriken und liturgischen Texte vollständig zu verstehen.

Zuständigkeit der Dikasterien

Mit dem Motu proprio Ecclesiae unitatem vom 02.07.2009 (AAS 101 [2009], S. 710f.) ordnete Benedikt XVI. die Kommission Ecclesia Dei der Glaubenskongregation als 4. Sektion zu. Somit war diese Sektion für alle Belange, welche die Nutzung des Missale von 1962 betraf, zuständig. Diese Zuständigkeit wurde durch TC nun geändert. Institute des geweihten Lebens und Gesellschaften des Apostolischen Lebens, welche von der Kommission Ecclesia Dei errichtet wurden und bisher der Glaubenskongregation anvertraut waren, fallen nach Art. 6 TC nun in die Zuständigkeit der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und Gesellschaften des Apostolischen Lebens. In Art. 7 TC wird explizit die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung als Autorität für die Angelegenheiten ihres Zuständigkeitsbereiches genannt. Somit ist diese Kongregation von nun an auch für alle liturgischen Belange der alten Form des römischen Ritus zuständig. Die Glaubenskongregation bleibt weiterhin für Fragen doktrineller Natur zuständig.

Abrogation aller entgegenstehenden Normen

Im begleitenden Brief schreibt Franziskus, dass es sein Entschluss sei, alle Normen, Anweisungen, Zugeständnisse und Gebräuche, welche TC vorausgehen, aufzuheben. Nach Art. 8 TC werden jedoch nur jene Normen, Anweisungen, Zugeständnisse und Gebräuche abrogiert, welche nicht mit den Normen von TC übereinstimmen. Unklar bleibt dabei die Gültigkeit der Normen der vorausgehenden Erlasse, welche zwar nicht in TC geregelt werden, aber den Normen von TC auch nicht entgegenstehen, wie z.B. die Erlaubnis, das Stundengebet nach dem Brevier von 1962 zu verrichten (vgl. SP, Art. 9 § 3).

Link Traditionis custodes

Link zum begleitenden Brief

Link Summorum Pontificum

Beitrag: Diego Lopez